Donnerstag, 1. November 2012

Dirndlkleider

 sind aktuell ja auch jenseits der deutschen Mittelgebirge richtig modern und die Älteren unter uns wissen: Das ist nicht das erste Mal.
Bei Wikipedia kann man sogar nachlesen, dass "in der wirtschaftlich schlechten Zeit nach dem Ersten Weltkrieg  das Dirndl zum Kassenschlager wurde, da es als schlichtes Sommerkleid eine preiswerte Alternative zu den oft teuren und aufwendig gearbeiteten historischen Frauentrachten war."
Mein Eindruck ist, dass Dirndl durchgängig bis in die 70-er Jahre ein beliebtes Kleidungsstück waren und erst ab den 80-ern galten sie dann als spießig.
Ich fand Mitte der 60-er Jahre Dirndl jedenfalls auch sehr schick und hatte verschiedene Sommerdirndl aus rosa, weißem oder schwarzgeblümten Baumwollstoffen. Ein langarmiges Modell aus grünem Flanell von damals hat sogar überlebt und ist mir nun beim aufräumen wieder in die Hände gefallen. Ich hatte es von meinen Eltern mitgenommen, als mein Sohn im Kindergarten für die praktische Umsetzung der Gleichberechtigung gekämpft hat und wie die Mädchen gelegentlich ein Kleid anziehen wollte.


Ich nehme an, dass das Kleidchen ein Modell von der Stange war,  - ganz sicher bin ich aber nicht, denn es gibt auch ganz viel Handarbeit darin. Aber vielleicht liegt das daran, dass Industriearbeit damals einfach anders organisiert war und z.B. noch nicht in Fernost gefertigt wurde.


Wie das Etikett zeigt, stammt dieses Dirndl aus Berchtesgarden (trug Eva Braun nicht auch gerne sowas, zumindest bei Besuchen auf dem Obersalzberg?) und die Firma Rasp scheint es dort auch immer noch zu geben.  Die Größe 65 sagt mir allerdings gar nichts. 
Ganz besonders hübsch finde ich die Verzierung mit den zweifarbigen Froschgoscherln rund um den Halsausschnitt. Die einzelnen Rüschen sind in der Mitte mit blauem Garn zusammengenäht - originell.  Ich glaube, Frau Machwerk hat kürzlich einmal sehr detailliert gezeigt, wie man das selber machen kann. Und das Oberteil ist mit einem anders gemusterten Stoff gefüttert - auch sehr hübsch.


Bemerkenswert ist auch die "Ausbaureserve" die das Kleid an nahezu allen Nähten hat: Ich hätte dieses Kleid dadurch sicherlich noch die nächsten 5 Jahre  tragen können.



Gottseidank wurden diese Nähte aber nie ausgelassen, sonst hätte ich vielleicht den Rest meines Lebens in einem Dirndl verbringen müssen, denn Eltern finden es ja manchmal süß, wenn ihre Kinder alle dieselben Kleider tragen - ich weiß nicht, wer sich sowas immer ausdenkt, bestimmt jemand der gar keine oder nur kleinere Geschwister hatte.  Ich habe aber 2 große Schwestern und habe darum  öfter jahrelang dieselben Kleider gehabt. 

Auf dem nächsten Foto kann man meine Schwester und mich im Dirndl- Partnerlook sehen. Passend zur Kleidung haben wir bei Verwandten meiner Mutter zur sonntäglichen Radio-Blasmusik ein Tänzchen gewagt. Mir scheint aber, wir konnten uns nicht einigen, wer führt - das ewige Problem beim Tanzen ;-)
Ich sehe aber gerade, dass es damals um den Halsausschnitt noch eine weiße Spitzenrüsche gab. Die ist allerdings im Laufe der letzten 45 Jahre abhanden gekommen.


Ich werde das Kleidchen jedenfalls in Ehren halten - vielleicht möchte mein Enkelkind darin ja einmal tanzen.


Kommentare:

  1. Ja, die zweifarbige Rüsche ist wirklich schön, und da stört es auch gar nicht, dass sie nicht so akkurat liegt. So blitzt die Unterseite eher dekorativ hervor.

    Diese Zuwachsreserve ist bei Dirndeln und Trachten ganz wichtig. Meine Vorarlberger Freundin ändert manchmal alte Trachten aus den 60er Jahren auf die Figuren der neuen Trägerinnen (der Töchter!!) ab und ist schwer angetan von der handwerklichen Leistung damals. Das ist gelebte Nachhaltigkeit- jahrzehntelanges Tragen und leichtes Anpassen und dann das Weitergeben in der Familie.

    Klar kann ich dich verstehen, dass du damals schon gern mal etwas Neues gahabt hättest. Aber wenn ich mir meine Tochter in demn immergleichen Jeans anschaue- dann ist Abwechslung bei manchen immer noch überbewertet.

    Danke für den Einblick!

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  2. Meine Mutter nähte für mich und meine 15 Monate ältere Schwester sehr oft die gleichen Kleider, dadurch sahen wir sahen aus wie Zwillinge (ich war und bin schon immer größer wie meine ältere Schwester), manchmal waren die Kleider in unterschiedlichen Farben, meist aber gleich, die leidtragende war meine 15 Monate jüngere Schwester, denn sie hatte dann stets zwei identische Kleider. Dirndl waren allerdings nie dabei.

    Herzliche Grüße
    Judika

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